Ein Tag am See – Mama Edition

Plötzlich bin ich hellwach, als hätte der Wecker geklingelt. In meinem Kopf türmen sich die Gedanken, überschlagen sich die Bilder vom Tag, rattert die organisatorische Denkmaschinerie:

Was brauchen wir für den Nachmittag am See? Gestern habe ich die Schuhe des Großen vergessen, also packe ich als erstes die Latschen beider Kinder ein. Sollte ich ein Buch einpacken? Ich habe ja schließlich Urlaub…aber komme ich zum Lesen? Die Kleine sucht fanatisch ihre Trinkflasche. Gefunden. Aber leer. Schnell aufgefüllt mit Wasser. Oh, das muss auch mit in die Strandtasche. Zum Glück gibt’s ein Klo dort in der Nähe. Dafür muss ich unbedingt an Masken denken. Gestern mussten wir unsere Not-Masken aus dem Auto nehmen, muss also auch dran denken die zu ersetzen. Die Kleine jammert, dass ich ihre Flasche mit Wasser aufgefüllt habe. Sie wollte unbedingt Apfelschorle. Verzweifelt weinend sinkt sie auf ihre Knie. Trösten. Wasser sinnvoll anderweitig verwenden. Flasche neu befüllen mit Apfelschorle. […]

Ich kann nicht wieder einschlafen. Zu warm im Bett, zu wenig Luft. Ich merke wie mein Herz schneller schlägt. Mein Hals schnürt sich zu. Der Raum um mich herum wird immer enger. Nein, nicht jetzt! Come on, ich habe doch Urlaub. Hatte einen schönen Nachmittag mit der Familie (und Schwiegerfamilie) am See… mit Strandmuschel, Baden und Pommes:

Darf die (Nichtschwimmer-)Kinder keine Minute aus den Augen lassen im Wasser. Hoffentlich sieht mein Rücken nicht zu speckig aus im Badeanzug. Mein Sohn taucht mit dem Schnorchel durch das kühle Nass. Das orange Ende des Schorchels sinkt langsam tiefer, bis er mit einem Mal ganz unter der Wasseroberfläche verschwindet. Ich zähle mit: 1, 2, 3, – Kurzer Blick zur Tochter. Sie reicht mir eine Hand voll nassen Sand. Wo ist der Schnorchel vom Sohn? 7, 8, … Sohn taucht wieder auf und präsentiert stolz einen Stock und eine Miesmuschel. Wer guckt eigentlich nach unseren Wertsachen? Ich wünschte der Mann wäre da. Mein Bauch ist riesig und stapelt sich unvorteilhaft, wenn ich hier so sitze. Aber wenn ich stehe, präsentiere ich meine fetten Oberschenkel. Pech, so sieht mein Körper eben aus. Da ist nichts Falsches dran. Ich hoffe der Sonnenschutz der Kids reicht noch, mir brennt die Schulter. Bewacht Schwiegermutter noch die Strandmuschel? Schwiegermutter tigert umher. Ok, scheiß auf die Wertsachen. Wo ist der Schnorchel? Zu weit draußen. Shit! Meine Kleine? Sitzt auf einem Stein am Rand. Okay, dann also dem Sohn hinterher. Der taucht gerade wieder auf: „Ich musste ganz schön weit wieder zurück tauchen, damit ich wieder stehen kann. Hier ist für mich die Grenze!“ Aufatmen. Zurück zur Tochter. Ich behandle ihre nassen Sandklümpchen nicht korrekt.

Ich halte es nicht mehr aus im Bett. Brauche Platz, Luft und den Knopf, um das Gedankenkarusell auszuschalten:

Warum starrt mich die Frau da vorne so lange an? Tochter hat blaue Lippen, also raus aus dem Wasser. Das Kind will nicht, erklärt mit zitternder Unterlippe, dass ihr nicht kalt sei. Tief durchatmen. Strategie entwickeln. Währenddessen nach Schwiegermutter Ausschau halten zwecks Ablösung fürs im Auge behalten vom Sohn. Nach vielem Lamentieren kommen beide Kids mit raus. Handtuch, Sohn schlottert, will aber auch nicht raus aus den nassen Sachen…oder abgetrocknet werden. Tochter fällt nass in den Sand und ist paniert. Also wieder kurz ins Wasser und dann ab ins Handtuch, nasse Sachen aus. Sohn hat vernichtenden Hunger. Snackoptionen präsentieren. Tochter schreit nach Eis. Auf später vertrösten, nochmalige Präsentation der Snackoptionen. Verkrieche mich in der Strandmuschel, die schützt wenigstens vor Blicken von hinten. Warum werde ich im Osten immer so angestarrt? Nur weil ich Schwarz bin!? Sollte gerader sitzen, sonst sehe ich aus wie eine Fleischkugel. Handtuch. Nein, ich muss mich nicht verstecken, mein Körper ist gut so wie er ist. Handtuch wieder weg. Kinder wollen wieder ins Wasser. Sonnencreme!

Mir dämmert leise, dass der zwar durchaus schöne Tag am See mit Strandmuschel, Baden und Pommes für mich bedeutet hat, dass ich pausenlos in Action war. Die ganze Handtuch- und Badesachenrotation, um immer wieder trockene Sachen zu haben. Das aufmerksame Beobachten beider Kinder in Habachtstellung, damit keiner ertrinkt. Dann das Gewusel und Abstimmen mit der  Schwiegerfamilie. Und das schon seit Tagen, da immerhin in Kooperation mit dem Mann. Die fremde Umgebung, die an mir hängende Tochter, das viele Co-regulieren der Gefühle, das Schlichten von Geschwisterstreit, usw.. Mir wird klar, worauf mich meine nächtliche Mini-Panikattacke hinweisen will: ich brauche Zeit für mich. Um meine Gedanken zu ordnen, um mal ganz unbeobachtet Ich zu sein und runterzufahren, mich sicher und geborgen zu fühlen und nach innen zu gucken: Wie geht es mir eigentlich in dieser für mich so stark triggernden Umgebung?

Es hat sich einiges aufgestaut in mir, das ich immer wieder beiseitegeschoben habe, um für meine Familie da zu sein. Ich werde einen Weg finden müssen, um mich dem zu widmen, sonst werde ich die Sommerferien nicht überstehen. Vielleicht morgen…in der Strandmuschel am See mit Baden und Pommes.

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