Funkstille/Kontaktabbruch/Eiszeit

Vor sechs Jahren habe ich den Kontakt zu meiner Mutter abgebrochen. Ein radikaler Schritt, um den wiederkehrenden Verletzungen in einer destruktiven Beziehung zu entkommen. Es war die Konsequenz aus vielen gescheiterten Versuchen das Miteinander in andere Bahnen zu lenken. Doch es ist unmöglich ein Problem gemeinsam zu lösen, das mein Gegenüber nicht einmal in seiner Existenz anerkennt. Und so kam der Tag, an dem ich wusste: bis hier hin und nicht weiter. Ich muss mich und meine kleine Familie schützen. Also ließ ich meine Mutter wissen, dass ich keinen Kontakt mehr zu ihr haben möchte.

sich trauen / befreien / aufatmen

Seitdem geht es mir und meiner Familie so viel besser. Trotz des Schmerzes und der Trauer über diesen Beziehungsverlust. Trotz des Stigmas und der verurteilenden Kommentare anderer. Dafür existiert nun weniger Drama in meinem Leben.  Wie viel Energie mir diese Beziehung abgezogen hat, merke ich erst später. Kraft, die nun frei ist für meine Ehe, meine Kinder, meine Freunde und – ganz wichtig- für mich.

hinschauen / zulassen / fühlen

Ich habe so unendlich viel gelernt über mich in diesen Jahren. Zahllose Therapiesitzungen haben dabei geholfen zu lernen, zu verstehen und vor allem zu fühlen, was alles diesem Kontaktabbruch vorausgegangen war. Ich entdeckte Teile von mir, die mein bisheriges Bild von mir und meiner Biografie völlig aus den Fugen rissen. Doch nach und nach fügten sie sich zusammen zu einem neuen Bild, das Sinn ergab und mich verstehen ließ.

erkennen / verstehen / trauern

All das durchlebe ich (noch immer) nicht nur als Tochter meiner Mutter, sondern mittlerweile auch als Mutter meiner Kinder. Muss erkennen, wie oft meine traumatische Vergangenheit die Wahrnehmung meiner Gegenwart beeinflusst. Sich in meine Gedanken drängt, meine Gefühle entführt und mein Verhalten lenkt. Muss dabei zusehen, wie sich Teile meiner Geschichte wiederholen – mit umgekehrten Rollen. Und wie meine Kinder das manchmal abbekommen, obwohl sie nur Auslöser, aber gar nicht die Ursache sind.

Plötzlich realisiere ich: Was, wenn das genauso auch bei mir als Kind war? Ich habe all die Erlebnisse stets auf mich bezogen als kleines Mädchen, mich als die Ursache dessen gesehen. Denn das ist es was Kinder eben machen, um sich ihre kleine Welt zu erklären. Dabei hatte meine Mutter wahrscheinlich genauso wie ich mit ihren eigenen emotionalen Altlasten zu kämpfen. Und ich bekam es leider ab.

begreifen / mitfühlen / trösten

Seitdem ich das begriffen habe, fällt es mir leichter Mitgefühl zu haben. Mit mir selbst, heute wie damals. Aber auch mit meiner Mutter, denn ich bin mir sicher, dass sich unsere Erfahrungen in vielen Teilen ähneln. Beziehungsmuster aus ihrer Kindheit übertrugen sich in meine. Verletzungen ihrer Seele sorgten für Wunden in meiner.

entscheiden / annehmen / wachsen

Was uns deutlich unterscheidet ist der Umgang damit. Ich habe mich entschieden hinzuschauen, mich dem Schmerz, der Angst und der Hilflosigkeit zu stellen. Mir zum Ziel gesetzt den Kreislauf zu durchbrechen. Die Traumata meiner Kindheit sind nicht meine Schuld. Doch es liegt in meiner Verantwortung wie ich mit ihnen umgehe. Auch darin verbirgt sich Angst und Schmerz…und zugleich Macht und Kraft. Und hoffentlich eines Tages Seelenfrieden.

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