Fuck you, Muttertag!

Das erste was ich heute Morgen nach dem Aufstehen höre: „Blöde Mama!“. Mein Sohn erklärt mir mit wütendem Gesicht, dass er heute keinen guten Tag hat und nichts Gutes machen wird. Und dass ich Bilder zum Muttertag kriege heute. Aber er seins zerrissen hat. Ich atme innerlich tief durch und bleibe gelassen. Wer sagt schon, dass es ein schöner, harmonischer Tag mit kleinen Aufmerksamkeiten werden muss, nur weil Muttertag ist!?

Einiges an Schreien und Streiten später, sitze ich am Frühstückstisch und starre auf unzählige Papierschnitzel am Boden – die Überreste meines Muttertagsgeschenkes. Mein Mann erzählt mir, wie viel Mühe unser Sohn sich gegeben hat es sogar doppelseitig mit schönen Sonnenblumen zu bemalen. Dann aber hat ihn der Ärger darüber sich anziehen zu sollen so übermannt, dass er es zerrissen hat. Wie schade, denke ich, aber vielleicht wird er sich besser fühlen, jetzt wo er es rausgelassen hat…

Nimmt der Tag doch noch eine Wende?

Mein Sohn kommt mit zwei Bildern aus seinem Zimmer. Oh, wie lieb von ihm, denke ich verzückt. Er hat mir schnell ein neues Bild gemalt! Nun kann also doch noch ein schöner Familiensonntag werden. Und tatsächlich, mein Sohn hat die Zeit in seinem Zimmer genutzt, um sich zu beruhigen und zwei neue Bilder zu malen. Auch mein Mann bekommt eine Zeichnung: Ein farbenfrohes Haus am Meer auf zwei aufwendig aneinander geklebten Blättern Papier. Ich halte ein Bild mit hastig draufgeschmiertem schwarzen Gekrickel in den Händen.

Wieder atme ich innerlich tief durch. Es ist die Geste, die zählt…nicht wahr?

Trotzdem schnürt sich mir die Kehle zu. Ein unsichtbarer Koloss setzt sich mir auf die Brust und etwas wie Stacheldraht drückt sich in mein Herz. Ein Mix aus Wut, Traurigkeit und Enttäuschung macht sich breit und ich merke: Ich kann jetzt kein dankbares Gesicht aufsetzen und dieses Bild loben.

Muttertag ist Mutters Tag?

Ich erwarte keine Geschenke am Muttertag (oder irgendwann sonst). Meine Kinder haben sich mich als Mutter ja nicht ausgesucht. Dennoch, das Bild meines Erstgeborenen fühlt sich an wie eine Klatsche. Eine Bewertung meiner Mutterqualität in Bildform. Schwarz, durcheinander, unschön und keiner Zeit und Mühe wert. Ich brauche eine ganze Weile und etwas Abstand bei einem Spaziergang, um aus meiner gedanklichen Abwärtsspirale zu entkommen und wieder klarer zu sehen. Ich erkenne, dass ich meine Selbstzweifel und eigene Abwertung als Mutter in sein Bild projiziert habe. Offenbar beschäftigt meinen Sohn irgendetwas heute und macht ihm Kummer, dass er so ein Verhalten an den Tag legt.

Mich auch. An diesem Tag mehr als an anderen fehlt es mir selbst bemuttert worden zu sein. Das Gefühl bekommen zu haben wichtig und wertvoll zu sein, geborgen und geliebt. Aber es ist nicht die Aufgabe meiner Kinder mir dieses Gefühl zu geben. Es ist meine. Ich muss mich selbst wichtig nehmen, meinen Wert schätzen und dafür sorgen, dass ich mich geborgen und geliebt fühle. Um dann meinen Kindern geben zu können, was mir damals gefehlt hat.

Ein Tag wie jeder andere

Und so entscheide ich mich dafür heute das Beste in meinem Sohn zu sehen. Nicht das aufdringlich laute, nervende, verletzende Verhalten, sondern mein Kind, das ich so sehr liebe. Dass heute so in Not ist, dass er nicht anders kann. Ich entscheide mich dafür ihn nicht zu verurteilen, dass er so fühlt wie er fühlt. Ich entscheide mich dafür seine Wahrnehmung anzuerkennen, auch wenn ich eine andere habe und auszuhalten, was da an Gefühlen ist und seine Art diese auszudrücken. Um ihm zu zeigen: Du bist wichtig und wertvoll. Ich liebe dich. Auch dann, wenn dein Verhalten mich zur Verzweiflung bringt.

Fuck you, Muttertag! Mit all deinen Erwartungen und falschen Vorstellungen, deiner Heuchlerei und deinen kitschigen Geschenkideen.

2 Kommentare zu „Fuck you, Muttertag!

  1. wow, ich bin ehrlich beeindruckt über deine reflexionsfähigkeit, das ist sicher nicht einfach in so einer situation. aber was ich als außenstehende VOR ALLEM rauslese ist: dein sohn hat keine angst zu fühlen, auch wenn es nicht das ist, was du gern hättest. er kann sich ausdrücken. er fühlt sich sicher. und das zeigt, dass du als mutter etwas grundlegend richtig machst.

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