Trigger

Es genügt manchmal ein Schnipsen und du bist wieder dort. Spürst dein Herz klopfen bis in den Hals. Dein Blut in den Adern gefrieren. Der Atem schnell und flach. Jedes Geräusch laut wie ein Tornado. Jeder Muskel angespannt. Die Augen aufmerksam die Umgebung absuchend. Dein ganzer Körper in Alarmbereitschaft.

Mit einem Mal erkennst du dieses vertraute Gefühl. Diese Hilflosigkeit, das Ausgeliefertsein, die Angst und die Scham. In deiner Nase der bekannte Geruch. Bilder aus längst vergangenen Zeiten vor Augen. Aber es fühlt sich nicht an wie Erinnerungen. Es fühlt sich an als wärst du wieder da.

Du verlierst nach und nach den Kontakt zum Hier und Jetzt, so einen Sog hat das innere Treiben. Der Körper wird starr und taub. Die Augen werden ausdruckslos. Es ist als wärst du aus einer Realität in eine andere gekippt.

Schattenwelt

Dort regiert das Grauen. Huschen dunkle Schatten im Augenwinkel vorbei. Steht die Zeit. Für immer. Stimmen klingen in der Ferne. Verzweifelte Schreie – ungehört. Geflüsterte Botschaften, scharf wie Rasierklingen. Herablassende Töne, gefärbt vom Hass. Hysterisches Lachen, gellend laut.

Du weißt wo du bist und weißt es doch nicht, denn dieser Ort hat keine Türen. Kennt keine Gezeiten. Bleibt unverändert, wie in Raum und Zeit gefangen. So wie du selbst. Je länger du dort bleibst, desto mehr erfüllt er dich.

Gedankenanker

Ein Gedanke blitzt auf: „Ich kann mich bewegen“. Eine Botschaft, die ich mit meiner Therapeutin in meinem Geist verfestigt habe. Als Erinnerung, wann immer ich sie brauche. Also mobilisiere ich alle Kraft, die ich finden kann und stehe auf. Zwinge mich mit aller Willenskraft einen Fuß vor den anderen zu setzen. Ich spüre den kühlen Holzboden unter meinen Füßen. Mein Zeh streift über die Stelle, an denen die Planken verklebt wurden. Ich greife mit meiner Hand zur Seite. Meine Finger finden die raue Tapete und fahren über die vielen unterschiedlich großen Huckel.

Ich höre die Stimme meiner Therapeutin: „Wie heißen Sie?“ Ich konzentriere mich, um eine Antwort darauf zu finden. „Wie alt sind Sie?“ Ich schüttele meine Arme aus und versuche mich auch daran zu erinnern. Weiter geht’s: Datum, Namen meiner Kinder, Wohnort. Nach und nach gelingt es mir zurück zu kehren. In meinen Körper von heute. In mein zu Hause. In die Sicherheit. Ich lenke meine Aufmerksamkeit auf meine Ohren, lausche nach vertrauten Geräuschen. Schnüffele in die Luft, um sicher zu stellen, dass ich auch wirklich hier bin.

Nachhall

Es fühlt sich noch ein bisschen unwirklich an. Also greife ich nach meinem Handy. Ich rolle mich ein und suche ein Video heraus: zwei bezaubernde Kinder, wie sie gemeinsam das Wohnzimmer saugen. Stolz blicken sie immer wieder in die Kamera. „Mama, guck mal!“ – und mir wird klar, dass sie mich meinen. Ich bin ihre Mama. Ich bin erwachsen. Ich bin kein Kind mehr. Ich bin sicher.

Der dunkle Ort hängt immer noch nach, wie ein Alptraum, den man nicht ganz abschütteln kann. Die Scham überkommt mich, dass das Vergangene noch immer eine so starke Macht über mich hat. Dass das kleine Mädchen, das noch immer an diesen Ort gebunden ist, hofft zu finden was es so dringend braucht.

Trigger

Manchmal genügt ein Schnipsen und ich bin wieder dort. Jahrelange Traumatherapie und innere Arbeit scheinen wie fortgewischt, wenn die Wucht des Traumas mich mitreißt. Wie oft dies schon geschehen ist, vermag ich nicht mehr zu sagen. Noch immer macht es mir Angst die Kontrolle zu verlieren. Manchmal hinterlässt es Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, denn wie oft ich diesen Ort noch besuchen muss, ist ungewiss. Ein andermal werde ich wütend darüber, dass ich all das erleben musste. Oder traurig, weil ich mir erlauben kann mitzufühlen mit meinem Selbst von damals. Und spätestens dann wird mir klar, dass Jahre der Therapie nicht einfach fortgewischt werden. Ich habe gelernt wieder zurück zu kehren. Mich zu beruhigen und zu trösten. Manchmal allein, manchmal bitte ich um Hilfe.

Stück für Stück nehme ich dem Ganzen den Sog. Das ist unheimlich kräfteraubend. Ganz besonders als Elternteil, denn auch die emotionale (Care-)Arbeit mit den Kindern zehrt an den Ressourcen. Hinzu kommen (Erwerbs-)Arbeit, Haushalt, Freundschaften und momentan eine Pandemie mit Lockdown. Manche Tage fühlen sich nicht an wie Leben, sondern Überleben. Trotzdem gebe ich nicht auf einen Weg zu finden, damit dieser Ort eines Tages der Raumlosigkeit entkommt. Und eine ganz normale Erinnerung wird. Eine schmerzliche – gewiss – aber mit Anfang und Ende. Eine, in der ich spüre: das ist nicht Hier und Jetzt, das ist vergangen.

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